Wir feiern Europa über alle Grenzen hinweg

Anschreiben von Bürgermeister Dr. Joachim Wolf an die Partnerstädte

Am 17. Mai 2020 wäre in Korntal-Münchingen der Europatag gefeiert worden. Da die Feier wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte, wehten an diesem Wochenende vor dem Rathaus die Fahnen der Städtepartner - als symbolischer Gruß nach Frankreich und Belgien. Warum diese symbolischen Gesten in diesen Zeiten wichtig sind, schreibt Bürgermeister Dr. Joachim in einem Brief an seine Kollegen in Mirande und Tubize.

Cher Monsieur le Maire Pierre Beaudran,

Cher Monsieur le Bourgmestre Michel Januth,

eigentlich sollte der 75. Jahrestag des Kriegsendes ein großer Staatsakt vor dem Reichstag werden. Mehr als 1500 Personen waren nach Berlin eingeladen. Zum Schutz vor der CoronaPandemie wurde die Großveranstaltung am Mittwoch, dem 8. Mai 2020, abgesagt. Stattdessen führte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier mit nur wenigen Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland die offizielle Kranzniederlegung an der Neuen Wache durch. „Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln“, forderte der Bundespräsident in seiner Ansprache, denn „… wenn wir in Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig.

Der Bürgermeister von Mirande, Pierre Beaudran, bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal in Mirande am 8. Mai 2020.

Am selben Tag standen Sie, lieber Herr Bürgermeister Beaudran, allein am Kriegerdenkmal in Mirande. Die Gedenkfeier für das Kriegsende findet normalerweise mit politischen Repräsentanten aus Ihrer Region und vor großem Publikum statt. Auch ich durfte im letzten Jahr gemeinsam mit unserem gemeinsamen Freund aus Tubize, Herrn Bourgmestre Michel Januth, daran teilnehmen. Was für ein merkwürdiger Moment muss es für Sie gewesen sein, als Sie ohne Bürgerinnen und Bürger die Zeremonie erlebten. Anders als sonst legten Sie zwei Kränze vor dem Mahnmal ab. Einen Kranz für die Opfer des Krieges und einen zusätzlichen Kranz als besondere Geste für die „Fête de l’Europe“.

Die Feier von Europa gehört zu einem festen Bestandteil unserer Ringpartnerschaft im Jahreskalender. In der Zeitspanne von Ende April bis Mitte Mai findet in allen drei Partnerstädten jeweils ein Europatag statt. Warum ausgerechnet in diesen zwei Wochen? Weil am 9. Mai 1950 der französische Außenminister Robert Schuman die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorgeschlagen hatte. Seitdem gilt dieser Tag als Grundsteinlegung der Europäischen Union. Schuman tat das in dem Glauben, dass einem geeinten Europa die Zukunft gehört. 70 Jahre später wurde sein Werk und das vieler Europäer in Frage gestellt: Ein Virus legte den Kontinent – die ganze Welt lahm. Grenzen wurden geschlossen. Nichts war mehr selbstverständlich. Inzwischen bahnen sich wieder Lockerungen an, unter dem Überbegriff „déconfinement“ zeichnet sich auch eine Aufhebung der Grenzkontrollen ab.

Während des Lockdowns öffneten die Menschen überall in Deutschland die Fenster. Um ihren europäischen Nachbarn Mut zu machen, musizierten sie nicht irgendein Lied, sondern sie spielten ganz bewusst die Europahymne. Genau wie auch Ihre Kranzniederlegung – lieber Monsieur Beaudran – sind es solche Gesten, die uns verbinden. Vor dem Rathaus Korntal-Münchingen wehten am letzten Wochenende die Fahnen der Städtepartner. Ein symbolischer Gruß nach Mirande und Tubize, da an diesem Sonntag, dem 17. Mai 2020, die Europafeier in Korntal-Münchingen geplant war.

Dafür hatten die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Korntal-Münchingen, der Flattichschule sowie der Musikschule Korntal Bühnenauftritte geprobt. Umsonst? Nein. Wir freuen uns schon auf ihre Darbietungen bei einer der nächsten möglichen Feier. Und wir freuen uns darauf mit unseren Freunden aus Mirande und Tubize wieder gemeinsam die Europahymne singen zu können: „Unsere Völker, unsere Staaten – alle Menschen sind bereit. Streben an mit Wort und Taten für Europa Einigkeit

Cordialement

Ihr Dr. Joachim Wolf

Bürgermeister Korntal-Münchingen